Well & Fit
27.06.2024 | Kerstin Bredehorn
Pilates – Der Kopf hinter der Methode
Viele Menschen haben schon mal Pilates praktiziert, noch mehr Menschen haben davon gehört. Aber weniger Menschen wissen, worum es sich genau handelt, und noch weniger wissen, dass es einen Joseph Hubertus Pilates gab, der Namensgeber der Methode ist. Er wurde 1883 in Mönchengladbach geboren.
Lolita San Miguel ist meine Mentorin, sie ist eine Schülerin von Joseph Pilates. Als sie 2009 das erste Mal in Mönchengladbach war, konnte sie nicht begreifen, dass der Begründer der Methode selbst in seiner Heimatstadt nicht bekannt war. Auch wenn sein Name und seine Geschichte immer noch relativ unbekannt sind, wurde mittlerweile eine Gedenkplatte in der Nähe seines Geburtshauses aufgestellt. Außerdem findet alle zwei Jahre die Heritage Conference statt, die das Bewusstsein über den Sohn der Stadt schärft und ein internationales Publikum anzieht.
Pilates selbst nannte seine Methode „Contrology“, um die Bedeutung der Kontrolle über die eigenen Körperbewegungen zu betonen. Er glaubte, dass man durch ein Training mit präziser Kontrolle und Konzentration eine größere körperliche Fitness und mehr allgemeines Wohlbefinden erreichen kann. Er war der Überzeugung, dass durch diszipliniertes Üben eine höheres Maß an körperlicher und geistiger Harmonie entsteht.
Kernpunkte der Methode mithilfe von Atmung und Kontrolle sind:
• Kraft aus dem Körperzentrum
• Flexibilität
• Koordination
• Körperbewusstsein
• Konzentration
Sein Leben
Joseph Pilates hat sich schon in seiner frühen Kindheit mit vielen Arten von Körperertüchtigung beschäftigt. Sein Vater war aktiv in der Turnbewegung und brachte ihm das Boxen bei (welches zu der Zeit in Preußen verboten war). Nach einer Lehre als Bierbrauer ging er nach England und arbeitet dort unter anderem als Zirkusartist. Während des Ersten Weltkrieges war er auf der Isle of Man als „feindlicher Ausländer“ in Knockaloe, dem größten Lager für Zivilisten, interniert. Dort begann er seine Methode zu entwickeln. Er trainierte die Mitgefangenen und sorgte dafür, dass sie körperlich und geistig fit blieben. Nach dem Krieg wieder in Deutschland angekommen, eröffnete er einen Boxclub in Gelsenkirchen und war als Boxer bei Wettkämpfen aktiv. Schon 1926 beunruhigte ihn die politische Situation in Deutschland und er wanderte in die USA aus, um dort mit seiner Partnerin Clara Zeuner, die er auf der Überfahrt kennengelernt hatte, ein „Contrology“ Studio zu eröffnen. Angeblich half ihnen Max Schmeling bei der Gründung. George Balanchine und Martha Graham, Ikonen des Balletts und des Modern Dance, waren überzeugt von den Ergebnissen der Methode und schickten ihre Schüler nach Verletzungen zu ihm. Auch heute nutzen viele Tänzer die Pilates-Methode zur Rehabilitation und Prävention.
Eugen Sandow, der Vorreiter des Bodybuilding, und der dänische Gymnastikpädagoge J. P. Müller waren seine Vorbilder. Ihn faszinierte alles, was mit Gesundheit zu tun hatte. Neben seiner Methode waren das: der Einfluss der Sonne auf der nackten Haut, frische Luft, kalte Duschen, Bürstenmassage und die Wichtigkeit einer korrekten Atmung. So lief er angeblich bis ins hohe Alter in seinen kurzen Trainingshosen und mit nacktem Oberkörper auch im Winter durch die Straßen von New York. Aber er war kein Asket. Er liebte den Alkohol, die Frauen und Zigarren.
Bereits 1934 gibt er eine Broschüre mit dem Titel „Your Health“ heraus, in der er über die Gesundheit und das Gesundheitssystem schreibt. Wenn man seine Worte im Jahr 2024 liest, denkt man, dass der Text von heute sei. Er beklagt den sitzenden Lebensstil, er beschreibt, wie negativ sich das Telefon und das Auto auf unsere Körper auswirken. All das ist heute, 90 Jahre später, aktueller denn je.
Seine Trainingsgeräte
Das Einzigartige an seiner Methode sind die Trainingsgeräte, die er entwickelt und mit Hilfe seines Bruders gebaut hat. Er war unermüdlich, diese Geräte immer weiter für bestimmte Kunden zu verändern. Ganz besonders beeindruckend finde ich die Idee, dass jedes Möbelstück auch gleichzeitig ein Trainingsgerät sein konnte, sodass jeder auch in einem kleinen Apartment die Möglichkeit hätte zu trainieren.
Folgende Möbelstücke hat er patentieren lassen:
1. Chair – diesen kann man sich wie einen Sessel vorstellen, der, sobald man ihn umdreht, zu einem äußerst abwechslungsreichen Trainingsgerät mit Federn wird. Auch gab es einen Rollstuhl mit Aufsatz, sodass auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität trainieren könnten.
2. Bednasium – ganz einfach, und ich frage mich, warum nicht JEDES Krankenbett so ausgestattet ist: Am Bett sind Federn befestigt, sodass vor dem Aufstehen direkt die ersten Übungen absolviert werden können. Auch für bettlägerige Patienten wäre das eine ideale Lösung. Daraus hat sich der „Cadillac“ entwickelt. „Joe“ Pilates, wie er in den USA genannt wurde, war nicht bescheiden, er hat das Trainingsgerät so genannt, weil es eben „das Beste“ war.
3. (Universal) Reformer – das bekannteste Pilates-Großgerät, das sich wie ein Schlitten bewegt und entfernt an ein Rudergerät erinnert. Wie kann das als Möbelstück fungieren? Mit dem passenden Aufsatz konnte es als Chaiselongue dienen. Sehr praktisch!
4. V-Bett – ein Bett in V-Form. Es sieht sehr ungewöhnlich und unbequem aus, aber ich durfte es in bei pilates-powers in Tönisvorst ausprobieren und war begeistert. Für meinen Rücken und meine Hüften eine absolute Wohltat. Die Wirbelsäule richtet sich sozusagen aus.
Die Liste der Geräte lässt sich noch weiter fortsetzen, dieses sind nur die Möbel. Zudem hat Pilates noch viele Kleingeräte erfunden, zum Beispiel den Foot Corrector, den Toe Corrector, Breathersizer, Push Up Devices und noch einige mehr. Das bekannteste Kleingerät ist der Magic Circle, den er aus dem Ring eines Bierfasses entwickelt hat. Er war ein Genie.
Lolita San Miguel hat ihn in seiner letzten Lebensphase kennengelernt und beschrieb, dass er seine „bad days“ hatte, da er es nicht geschafft hat, die Welt von seiner Methode zu überzeugen. Seine Vision war, dass die ganze Welt seine Übungen machte und damit gesünder und glücklicher würde. Es gibt sogar Briefe von ihm an US-Präsident Kennedy. Seine Idee war, dass seine Methode bereits in den Schulen unterrichtet würde. Auch diese Idee ist an Aktualität kaum zu überbieten, wenn wir uns den Schulsport und den Bewegungsmangel bei Kindern anschauen.
Pilates starb 1967 im Alter von 84 Jahren. Lolita zitiert ihn mit den Worten: „Ich bin meiner Zeit 50 Jahre voraus.“ Und das stimmt. Die Pilates Method Alliance spricht davon, dass zurzeit circa zwölf Millionen Menschen weltweit Pilates praktizieren und die Zahl ständig steigt. Bei uns in Deutschland ist besonders das Reformer Training auf dem Vormarsch.
Danke Joe!
Mein Lieblingszitat – aktueller denn je:
„We retire too early and we die too young. Our prime of life should be in the 70’s and old age should not come until we are almost 100.“ Joseph Pilates
Autor
Kerstin Bredehorn
Gastautorin
www.pilatesandfriends.com
www.medical-stretching.com

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